Gandersheim

Als Gottfried Wilhelm Leibniz am 14. November 1716 starb, ließ man eine Wohn- und Arbeitsräume unverzüglich versiegeln, um eine unbefugte Einsichtnahme oder Entwendung von Dokumenten zu verhindern.  Bei der Sichtung des Nachlasses entdeckte man zwischen Leibniz‘ Unterlagen  eine der prachtvollsten und kostbarsten Urkunden des Mittelalters: Die so genannte Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu aus dem Jahre 972. Aber: Wie kam die Urkunde nach Hannover in die Schmiedestraße 10? 

Kurz eine historische Rückschau:
Im Jahre 972 heiratete der Sohn Ottos des Großen und spätere Kaiser Otto II. in Rom die damals sechzehnjährige byzantinische Prinzessin Theophanu, Nichte Kaiser Basileus Johannes Tsimiskes von Byzanz. Der in Gold und Purpur ausgestaltete Ehevertrag ist nicht nur hinsichtlich der künstlerischen Gestaltung bedeutsam, sondern auch hinsichtlich des Inhalts, wird doch hier neben den allgemeinen rechtlichen und kirchlichen Formalitäten des Eheschlusses und der Besitzübertragungen Theophanu ausdrücklich zur Mitkaiserin (coimperatrix) erhoben. Theophanu starb 36jährig in Nymwegen und wurde in St. Pantaleon zu Köln beigesetzt.

Die Kaiserin hinterließ neben ihrem Sohn Otto noch drei Töchter, von denen die mittlere namens Sophia im Stift Gandersheim erzogen wurde und von 1002 bis zu ihrem Tode 1039 dort das Amt der Äbtissin bekleidete. Die wertvolle Heiratsurkunde ist wahrscheinlich bereits zu Lebzeiten ihrer Eltern, Ottos II. und Theophanus, im dortigen Stiftsarchiv hinterlegt worden, handelte es sich doch bei der von Graf Liudolf von Sachsen zunächst in Brunshausen, dann nach Gandersheim verlegten Stiftung um das Hauskloster der Liudolfinger, die sich seit Otto d. Gr. dann „Ottonen“ nannten.

Im dortigen Archiv lag das wertvolle Dokument mehrere Jahrhunderte, bis Leibniz im Jahre 1708 von der damaligen Äbtissin, der Tochter Anton Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel, die Einladung erhielt, sich das Klosterarchiv einmal anzuschauen. Leibniz hatte zuvor mit dem Theologen und Historiker Johann Georg Leuckfeld korrespondiert, der ihm von den Schätzen, der von ihm (Leuckfeld) im Jahre 1700 entdeckten Heiratsurkunde und weiterer mittelalterlicher Handschriften in diesem Archiv berichtet hatte.

Um die Geschichte der Welfen über die Liudolfinger (Ottonen) und Billungern zurückverfolgen zu können, war die Urkunde für Leibniz von besonderer Wichtigkeit. Unter Vermittlung Georgs I. gelang es, das Dokument nach Hannover bringen zu lassen, wo Kupferstiche für die Welfengeschichte angefertigt werden sollten.
Leibniz gab die Anfertigung der Kupferstichplatten noch in Auftrag, die für den Druck in den von Christian Ludwig Scheidt im Jahre 1753 herausgegebenen „Origines Guelficae“ verwendet wurden.

Nach Leibniz‘ Tod forderte die Gandersheimer Äbtissin die Urkunde zurück. Sie befindet sich heute im Staatsarchiv Wolfenbüttel.

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