Regeln des Bassette-Spiels
Aus den privaten Aufzeichnungen von Leibniz

Die vorliegende Fassung der Regeln des Kartenspiels La Bassette ist ursprünglich wohl nicht nur für den persönlichen Gebrauch bestimmt  gewesen. Die Nummerierung der Regeln bricht bei Nummer 12 ab und auf den folgenden Blättern (von denen wir nur das erste wiedergeben) finden sich kritische Reflexionen zu dem genannten Spiel. In seiner einfachsten Form besteht das Spiel aus einem einzigen, in seinem Ergebnis zufälligen Spielzug: dem Aufdecken eines Kartenpaares, das aus einem Vorrat dichotomisch markierter (verdeckter) Karten genommen wird. Bezeichnet man die eine Markierung mit a, die andere mit b, so gibt es vier Ergebnisfälle: aa, ab, ba und bb. Die ersten beiden Fälle werden als Gewinn für den Bankhalter definiert, der dritte Fall als Gewinn für den Spieler. Der vierte Fall wird nicht bewertet. Indem man geregelte Ketten solcher Elementarspiele bildet, Sonderregelungen für den Eröffnungs- (und Schluss-) Spielzug, offene persönliche Züge, Deklarationen u. ä. einführt, wird die Chance des Spielers gegenüber der des Bankhalters verbessert. Die Vor- und Nachteile solcher Erweiterungen des Regelwerks erörtert Leibniz in dieser Aufzeichnung lediglich in qualitativer Hinsicht, ohne genaue Berechnungen über die veränderten Gewinnchancen anzustellen. In diesem Vorgehen treten zwei Grundmotive von Leibniz’ Beschäftigung mit der Spieltheorie zu Tage: Zum einen ist er der Auffassung, dass die Analyse von Glücksspielen zur Vervollkommnung der Erfindungskunst (ars inveniendi) beitrage; zum anderen sieht er in den Erwägungen einer gerechteren Verteilung der Gewinnchancen einen Weg zur moralischen Vervollkommnung der Welt.

Signatur: LH XXXV, 3a, 9, Bl. 5 – 6

1. Der Bankhalter nimmt je zwei Karten auf.
2. Er deckt jeweils nur eine davon auf.
3. Derjenige, der gegen den Bankhalter spielt, setzt nach seinem Gutdünken auf einen Kartenwert [Bild bzw. Zahl] und sogar auf mehrere, wenn er möchte. Und mehrere Spieler können auf einen Wert oder auf verschiedene Werte setzen.
4. Der Bankhalter entscheidet, ob er mithält oder ob er nicht mithält.
5. Hat die erste Karte des aufgenommenen Paares den Wert, auf den der Spieler gesetzt hat, gewinnt der Bankhalter; hat die zweite Karte diesen Wert, gewinnt der Spieler.
6. Dies gilt jedoch nur mit einigen Ausnahmen, denn der letzte Wert der letzten Karte zählt nicht, und der Spieler gewinnt dabei nicht, wie er eigentlich sollte.
7. Den Wert der ersten Karte des ersten Kartenpaares, das aufgedeckt wird, nachdem man auf einen Kartenwert gesetzt und der Bankhalter ihn akzeptiert hat, nennt man die „Face“. Und der Bankhalter gewinnt [bei diesem ersten Spielzug, wenn „Face“ der Kartenwert ist, auf den man gesetzt hat] anstelle des gesamten Betrags nur 2/3 von dem, was man darauf gesetzt hat, während, wenn der Wert der zweiten Karte der ersten Kartenaufnahme derjenige ist, auf den man gesetzt hat, der Spieler den vollen Betrag gewinnt. Auf diese Weise ist die „Face“ effektiv ein Nachteil für den Bankhalter.
<Zusatz am Rand:> Es fragt sich, ob es dem Bankhalter erlaubt ist, sein Mithalten derart umzugestalten, dass der Spieler daran beteiligt ist, wenn er tatsächlich gesetzt hat.
8. Wenn die erste Karte einer Kartenaufnahme aufgedeckt ist, der Spieler auf den Kartenwert derselben setzt und „Face gilt“ sagt und der Bankhalter dies akzeptiert, dann gewinnt der Spieler durch diese Kartenaufnahme nicht, sofern die zweite Karte den Kartenwert hat, auf den er gesetzt hat. Dies ist gerecht, da der Bankhalter durch eben diese Kartenaufnahme gar nicht gewinnen kann, da die erste Karte, die für den Bankhalter vorteilhaft ist, bereits aufgedeckt ist. Doch hierbei gibt es diese Besonderheit, dass, wenn der Wert der zweiten Karte zugunsten des Spielers ausfällt, dieser das Spiel abbricht und nicht mehr beteiligt ist, sofern er nicht von Neuem auf denselben Kartenwert setzt und der Bankhalter dies akzeptiert. Dieses Vorgehen ist abermals zuungunsten des Bankhalters, denn so verliert er erneut 1/3, wenn dieser Kartenwert „Face“ wird, wohingegen er ohne diese Besonderheit vollständig gewonnen hätte, da „Face“ schon vorbei ist.
9. Es gibt einen wirklichen Vorteil des Bankhalters, der darin besteht, dass im Fall von Doublets (wenn der Kartenwert, auf den gesetzt ist, sich sowohl auf der ersten wie auf der zweiten Karte einer Kartenaufnahme findet) der Bankhalter gewinnt, während nach den Gesetzen der Gleichheit, weder der eine noch der andere gewinnen dürfte.
10. Der Bankhalter kann die Karten, sooft er möchte, neu mischen oder sie durch den Spieler mischen lassen.
11. Wenn der Bankhalter nicht ausdrücklich erklärt, für alles geradezustehen, schuldet er nur den Bestand seiner Bank. So kann er viel gewinnen und lediglich den Bankwert verlieren. Das ist ein weiterer wirklicher Vorteil, denn aufgrund der Vielheit der möglichen Kartenwerte und der beteiligten Personen kommt es vor, dass man mehr auf die Kartenwerte gesetzt hat, als die Bank Geld besitzt.
<Zusatz am Rand:> Es fragt sich, ob der Bankhalter das, was er gewinnt, aus dem Spiel nehmen kann, sodass der Bankbestand immer der gleiche bleibt.
Das Gedächtnis kann beim Bassette-Spiel hilfreich sein, denn es ist wahrscheinlicher, dass, da sich die Abfolge der Karten des vorangegangenen Spiels durch das Mischen nicht völlig geändert hat, sie unverändert geblieben ist. Und daher erwarten wir es schon, wenn der Kartenwert, auf den wir gesetzt haben, diesmal als erste oder als zweite Karte der Kartenaufnahme an die Reihe kommt, und das um so mehr, als der Spieler, der sich allein auf seinen Kartenwert konzentriert, leichter Beobachtungen machen kann als der Bankhalter, der an alles gleichzeitig denken muss. Wenn man bei jedem Spiel die Karten auswechselte, würde dieser Vorteil entfallen.
Wenn der Bankhalter sich häufig neue Kartensätze geben lässt, verringert er diesen Vorteil der Spieler. Und wenn diese neuen Karten in der Reihenfolge König, As etc. von jeweils verschiedenen Farben zusammen lägen, wäre der Bankhalter im Vorteil, denn es gäbe viele Doublets. Wenn aber hinsichtlich der Kennzeichnungen gleiche Farben zusammen lägen, wären die Spieler im Vorteil, denn es würde ihnen leichter fallen, die Abfolge der Karten zu erraten. Auf diese Weise könnte der Bankhalter, wenn er genügend neue Kartensätze bereithält, bemerkenswerte Gewinne machen. Denn auch wenn er die Karten mischen würde, würde er bestimmt nicht alle Karten aufnehmen. Ein Vorwand für die Verwendung neuer Kartensätze könnte sein, dass der Bankhalter dann leichter sehen könnte, ob alle Karten vorhanden sind.

Übersetzung: Dr. Heinz-Jürgen Heß