LEIBNIZ’ AUFZEICHNUNG AUS DER UNTERREDUNG MIT CLAUDIO FILIPPO GRIMALDI S. J.
[Rom, Sommer 1689]

Ganz zu Anfang seiner Korrespondenz mit den Chinamissionaren der Gesellschaft Jesu steht Leibniz’ persönlicher Kontakt mit Claudio Filippo Grimaldi während seines Romaufenthalts im Sommer 1689. Hinter den zahlreichen, stichwortartig notierten Fragen zeichnet sich neben Leibniz’ früher Lektüre vor allem von Athanasius Kirchers China illustrata, 1667, bereits die später mehrfach formulierte Überzeugung ab, das Abendland könne vor allem vom naturwissenschaftlichen wie technischen Erfahrungswissen der älteren Zivilisation lernen – während Grimaldis eher nüchterne Auskunft (vgl. §§ 1, 16) Leibniz in seinem Urteil nur bestärkt haben kann, dass China in Hinblick auf die theoretische Durchdringung der Welt sich mit dem Westen nicht messen könne.

Signatur: LBr. 330, Bl. 40 – 41

LEIBNIZ’ AUFZEICHNUNG AUS DER UNTERREDUNG MIT CLAUDIO FILIPPO GRIMALDI S. J.
[Rom, Sommer 1689]

Aus meiner Unterredung mit Pater Grimaldi S. J., der soeben aus China gekommen ist.
[Antwort] auf meine Fragen
1. Er bestreitet, daß die Chinesen sich mit Feuerwerk wesentlich besser auskennen als die Europäer. Grünes Feuer hat er bei ihnen nicht gesehen. Man wendet gewaltige Kosten und Mühen auf den Nachbau von ganzen Schlössern und Städten, die dann angezündet [?] werden. Ihre Raketen machen weder großen Lärm noch steigen sie [besonders] hoch.
Feuerräder kannten sie nicht, P. Grimaldi erst hat sie ihnen vorgeführt. Sie haben sich ungemein verwundert über die Räder, die sich bald in die eine, bald in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Kampfer wird häufig verwendet und zum selben Zweck wie bei uns. Als man einmal den chinesisch-tatarischen Krieg mit Feuerwerk nachbildete, wurden am Ende chinesische Schriftzeichen durch Menschen dargestellt, die auf einer beweglichen Bühne [?]
standen und Fackeln hielten; dann wurden die Menschen plötzlich versetzt und die Schriftzeichen verwandelten sich in andere: damit wurde „Friede im ganzen [chinesischen] Reich“ ausgedrückt. Sie verfügen noch über eine andere, einzigartige, aber sehr mühsame Kunst:
Aus Papier wird etwas gefaltet und in ein winziges Kästchen von kaum einem halben Fuß Höhe verschlossen; dann öffnet sich plötzlich das Kästchen, sein Boden springt heraus und das Etwas entfaltet sich zu einer riesigen Konstruktion, höher als ein Zimmer, etwa zu einem Pferd oder sonst einer Gestalt, die dann angezündet wird. So erscheinen auch plötzlich
gewaltige Laternen wie aus dem Nichts, darin wird dann ein Feuer aus Kampfer[öl] gezeigt.

2. Ein Pfund von der Wurzel Ginseng kostet in China selbst ungefähr 40 Scudi. Sie ist vor allem bei alten Leuten sehr wirksam. Sie wird mit Wasser gekocht und der Absud wie Tee getrunken, mit dem Unterschied, daß Tee mit kochendem Wasser aufgegossen wird, während Ginseng mit Wasser gekocht wird. Ginseng ist ohne Geschmack und weist [äußerlich] keine besonderen Eigenschaften auf. Grimaldi hat etwas davon dem Großherzog nach Florenz mitgebracht.
3. Es gibt eine Art des lilium silvestre, wenn man das aus der Zwiebel gewonnene Öl auf eine von der Arthritis heiße und schmerzende Körperstelle träufelt, beseitigt es wie durch ein Wunder auf einen Schlag den Schmerz. Auch davon hat Grimaldi eine Probe nach Florenz mitgebracht.
4. Grimaldi glaubte, daß Boyms Flora Sinica noch vorhanden ist, er wird aber Nachforschungen anstellen. Die Jesuitenpatres besitzen gewaltige Bände zur Naturkunde Chinas aus dem Archiv des Kaisers, deren Inhalt sie nur nach und nach den Europäern mitteilen werden, um den Anschein zu vermeiden, daß es sich um [unerlaubte] Abschriften aus dem Archiv handele. Es ist nämlich zu befürchten, daß bei den Chinesen Argwohn aufkommt, wenn ihnen dieser Sachverhalt von den Holländern hinterbracht würde. Die Patres werden das Material daher nach Art der aus den chinesischen Provinzen [an die Ordensleitung] geschriebenen Briefe mitteilen.
Dort ist vielfach von Flora, Fauna und Mineralien des [chinesischen] Reiches die Rede.
5. Es trifft sehr wohl zu, daß die Chinesen und auch die Inder über ein Holz von der Härte des Eisens verfügen, doch ist dieses überaus schwer zu bearbeiten, weil es sehr leicht reißt. Aus diesem Holz bestehen einige Türen in der Kirche des römischen Profeßhauses, insbesondere die am Zugang zur Sakristei. Auf chinesisch heißt das Eisenholz chiè-mo [tiemu], in Ostindien wird es als Angelin bezeichnet.
6. Die Chinesen haben zwei uns unbekannte Metalle: das chinesische Zinn, von nicht geringerer Schönheit als Silber und von etwa demselben Wert; ferner das weiße Messing, aus dem wohl die Teetöpfe hergestellt wurden.
7. Das Papier der Chinesen wird aus zerstampfter Bambusrinde hergestellt. Sie stellen sehr große Blätter her, die in Streifen so dünn wie Fäden zerschnitten und mit Seide verwoben werden. Dieses Papier hält allerdings Regen oder klimatischen Unbilden nicht stand. Deshalb möchten die Chinesen unsere ihnen unbekannten Goldfäden haben.
9. Porzellanerde ist nicht an und für sich durchscheinend. Es gibt drei Arten Porzellan, zwei davon durchscheinend, gelblich und weiß, die dritte nicht durchscheinend und schwarz.
Die Chinesen schätzen die gelbliche Sorte am höchsten.
11. Es gibt in China eine Art Öl, das aus Baumharz gewonnen wird. Sie nennen es Tum-ieu [tongyou]. Sie benutzen es für so ziemlich alle Arten von Lack und Bindemittel. Es wird so hart wie Stein und darf deshalb Farben nicht in zu starker Quantität beigemischt werden; die Farbschichten zerspringen nämlich sonst, wenn die Kruste sich zusammenzieht. Es weist Wasser sehr wirksam ab und ist vielfältig verwendbar.
13. Chinesisches Glas besteht aus Reis, dem zur Festigung etwas Blei beigemischt wird.
16. Den chinesischen Himmelsbeobachtungen ist nicht allzuviel Vertrauen zu schenken; die Chinesen sind nämlich ein gewinnorientierter Menschenschlag, der [früher] den Himmel um des Broterwerbs willen beobachtete, nicht um des Ruhms oder der Wahrheit willen. Jetzt sind sie zu sorgfältigerer Arbeit gezwungen, weil sie wissen, daß die Jesuitenpatres an ihrer Seite Beobachtungen anstellen. Diese beobachten mit besonderer Sorgfalt die Annäherungen des Mondes an die Planeten und haben darüber Bände von Aufzeichnungen gesammelt.
Die Chinesen legen ein mißgünstiges Verhalten an den Tag, und sowie sie sehen, daß die Berechnungen [der Patres] auch nur im geringsten in Widerspruch stehen zum Befund am Himmel, rufen sie gleich: Die Astronomie der Europäer ist trügerisch, laßt uns zurückkehren zu unserer eigenen. Sie sehen den Splitter im Auge der anderen und kümmern sich nicht um den Balken im eigenen. Deshalb müssen die Patres vorsichtig sein und wagen es nicht, näher auf Jovialia und anderes einzugehen, um nicht gezwungen zu sein, auch diese vorherzusagen.
Sie begnügen sich deshalb mit [der Vorhersage von] Sonnenfinsternissen. Ich glaube, Grimaldi hat seinerzeit Bücher mit astronomischen Beobachtungen nach Portugal mitgebracht und dort zurückgelassen. Den Brief von Kepler kennt er nicht.
22. P. Grimaldi wollte chinesische Bücher mit [nach Europa] bringen, aber P. Verbiest, der in derlei sehr furchtsam ist, wollte sich nicht dazu verstehen: Wenn das durch irgendeinen Zufall herauskäme, könnte die Mission Schaden nehmen. P. Grimaldi hält diese Befürchtungen aber für übertrieben. Er hat ein Büchlein mitgebracht, das ich zu sehen bekommen habe, so etwas wie ein Wörterbuch, wo den Schriftzeichen Bilder der bezeichneten Sachen beigegeben
sind und darüber ein Vorrat von Wörtern hinzugefügt ist. P. Grimaldi wird ein Exemplar mit kolorierten Abbildungen schicken. Er konnte so gut wie nichts persönlich mitbringen, weil seine Reise überstürzt stattfand und er noch am selben Tag, als er den Befehl dazu erhielt, aufbrach.
Er hat sechsmal China durchquert und sich dabei der kaiserlichen Pferde bedient. Diese sind allenthalben stationiert, um alle drei Meilen gewechselt werden zu können. Er war auch in der Tatarei; die westlichen Tataren heißen Mongò, die östlichen, aus denen der Kaiser hervorgegangen ist, Mongiò. Von den westlichen Tataren gehorchen dem Kaiser 48 Horden, deren Herren oder Kleinkönige Kia-sack heißen. Bis zu einer Breite von 45 Grad sind [diese
beiden] Völker anzutreffen, wenn man den Fluß Ula überquert; ihre Namen haben sie von den Chinesen, das eine, weil sie Hirsche, das andere, weil sie Hunde halten.
Grimaldi hatte viel Umgang mit Nicolai Gavrilovi ?c Spatarij, einem russischen Gesandten, und hat ihm als Dolmetscher gedient. Spatarij sprach Latein und Französisch.
Grimaldi sucht einen guten Chemiker und einen ebensolchen Anatomen oder
Chirurgen, um sie mit nach China zu nehmen. Die Pulslehre der Chinesen beruht auf etlichen beachtlichen Beobachtungen, aber sie können [die ihnen zugrundeliegenden Erscheinungen] nicht erklären und wissen nichts von den inneren Organen des Leibes. Der Kaiser ist 38 Jahre alt und verfügt über ein vorzügliches Urteil; er hat aber zahlreiche Frauen, es besteht daher
keinerlei Hoffnung, ihn dem Christentum zuzuführen.
In P. Kirchers Magneticum naturae regnum finden sich einige brauchbare Nachrichten über China eingestreut. Einige französische Patres sind kürzlich nach China gesegelt und haben damit die Mission in Gefahr gebracht. Es bedurfte einer energischen Intervention des P. Verbiest. Der Vorfall hat aber bewirkt, daß die Chinesen künftig restriktiver mit Ankömmlingen umgehen werden, und [was diese Patres getan haben,] wird kaum anderen
gelingen.
Unter Anleitung der Patres werden jetzt in China neue Kanäle gebaut, bis zu 100 Meilen [Länge].

[Darunter in kleinerer Schrift nachträglich hinzugefügt:]
Einzelheiten über Wassermühlen.
Haben sie Pumpen so wie wir? Kennen sie die Schnecke des Archimedes oder verfügen sie über eine [Wissenschaft von der] Architektur bei der Errichtung von großen Gebäuden?

Übersetzung: Dr. Malte-Ludolf Babin