LEIBNIZ AN CLAUDIO FILIPPO GRIMALDI S. J.
Rom, 19. Juli 1689

Ganz zu Anfang seiner Korrespondenz mit den Chinamissionaren der Gesellschaft Jesu steht Leibniz’ persönlicher Kontakt mit Claudio Filippo Grimaldi während seines Romaufenthalts im Sommer 1689. Hinter den zahlreichen, stichwortartig notierten Fragen zeichnet sich neben Leibniz’ früher Lektüre vor allem von Athanasius Kirchers China illustrata, 1667, bereits die später mehrfach formulierte Überzeugung ab, das Abendland könne vor allem vom naturwissenschaftlichen wie technischen Erfahrungswissen der älteren Zivilisation lernen – während Grimaldis eher nüchterne Auskunft (vgl. §§ 1, 16) Leibniz in seinem Urteil nur bestärkt haben kann, dass China in Hinblick auf die theoretische Durchdringung der Welt sich mit dem Westen nicht messen könne.

Signatur: LBr. 330, Bl. 1 – 2

LEIBNIZ AN CLAUDIO FILIPPO GRIMALDI S. J.
Rom, 19. Juli 1689

An P. Grimaldi

Ich schätze Ihre Bekanntschaft so hoch, ehrwürdiger Vater, daß ich täglich das Gespräch mit Ihnen suchen würde, hätte mich der Respekt vor den Angelegenheiten Ihres Ordens nicht gelehrt, mein Verlangen hintanzustellen. Was könnte auch einem interessierten Menschen Wünschenswerteres begegnen, als einen Mann zu sehen und zu hören, der uns die verborgenen Schätze des fernsten Orients und die entlegenen Geheimnisse so vieler Jahrhunderte eröffnen kann? Mit Indien haben wir bisher mit Gewürzen und verschiedenen Spezereien gehandelt, aber noch nicht mit Wissenschaften. Das wird Europa Ihrem Orden zu danken haben: Ihr Orden unterweist die Völker Chinas in unseren mathematischen
Wissenschaften; durch Ihren Orden sind umgekehrt die Chinesen uns [die Vermittlung] verschiedener Geheimnisse der Natur schuldig, die sie aus langer Beobachtung kennen.
Die Physik beruht nämlich vorwiegend auf Experimenten, während die Mathematik sich auf Beweisgründe stützt; in Hinblick auf diese tut sich Europa hervor, doch bei den Experimenten sind [uns] die Chinesen überlegen, haben sich doch in einem seit soviel tausend Jahren
in Blüte stehenden Reich Überlieferungen der Alten erhalten, die in Europa durch die Völkerwanderung zum großen Teil untergegangen sind. Um mir nicht selbst einmal vorwerfen zu müssen, eine gute Gelegenheit versäumt und allzu träge von der verschwenderischen Freigebigkeit Ihres Ordens Gebrauch gemacht zu haben, habe ich ein paar bescheidene Fragen auf beiliegendem Zettel notiert, auf die ich gern Antwort von Ihnen hätte, soweit es Ihre Zeit erlaubt und wie es Ihnen gelegen ist. Ich weiß übrigens nicht, ob Sie den Brief kennen, den früher einmal ein bedeutender europäischer Mathematiker geschrieben hat [und worin er zusammenträgt], welche Nachforschungen bei den Chinesen zum Nutzen unserer Wissenschaften angestellt werden sollten. Ich habe diesen Brief in Deutschland, und wenn noch niemand von Ihrem Orden darauf geantwortet hat, werde ich Ihnen [eine Abschrift] schicken lassen, um ihn wenigstens jetzt endlich für Europa fruchtbar zu machen.
Leben Sie wohl […]
Rom, den 19. Juli 1689


Fragen

1. Sind die Chinesen den Europäern tatsächlich in der Herstellung von Feuerwerk überlegen?
Können sie grünes Feuer erzeugen (was unseren Feuerwerkern bislang versagt blieb)?
2. Hat die Wurzel Ginseng so große Kräfte, wie gemeinhin gerühmt wird?
3. Könnten nicht einige besonders wichtige Pflanzen nach Europa oder wenigstens auf christliches Gebiet verpflanzt werden? Bei welchen Pflanzen würde sich das ihres Nutzens wegen eher als bei anderen lohnen?
4. Ist die Flora Sinica des P. Boym noch vorhanden? Was gibt es sonst noch für unveröffentlichte Bücher über China?
5. Holz so hart wie Eisen und geradegewachsen, geeignet zur Herstellung von Röhren.
6. Ein namenloses Metall aus Ostindien, das für die Zubereitung eines Getränks aus abgekochtem Tee verwendet wird; es sieht aus wie mit Zinn überzogenes Eisenblech, besteht aber nicht aus Eisen und ist elastisch.
7. Trifft es zu, daß die Chinesen Goldpapier und [daraus gewonnene] Streifen in Gewebe aus anderem Material einweben? Wie geschieht das? Welche besonderen Verfahren haben sie bei der Papierherstellung?
8. Wie sammeln sie zweimal jährlich Seidenkokons?
9. Wie ist die Erde beschaffen, aus der Porzellan hergestellt wird? Ist sie von Natur durchscheinend und besteht keine Hoffnung, dergleichen auch in Europa zu finden? Wird zur Glasierung echten Porzellans nicht Zinnkalk (gepulvertes Zinnoxyd) verwendet?
10. Wie bearbeiten sie die Häute, die dann zu Polstern aufgeblasen werden?
11. Haben sie spezielle Arten von Firnis oder anderen künstlich hergestellten Materialien, die besonders nützlich oder im technischen Bereich verwendbar sind? Haben sie besondere, wasser- und feuerfeste Mörtelsorten, die auch dazu geeignet sind, Fischteiche abzudichten und das Wasser zurückzuhalten?
12. Herstellung von japanischen Blechen.
13. Inwiefern unterscheidet sich die Glasherstellung in China und in Europa in Anbetracht der Tatsache, daß chinesisches Glas zerbrechlicher ist, aber auch dünnflüssiger?
14. Sind erprobte Medikamente bekannt, die man in Europa nachahmen oder importieren könnte, so wie unsere Leute die Moxa nachgeahmt haben? Wie die Chinesen operieren.
15. Gibt es in der alten Überlieferung der Chinesen nicht irgendwelche Spuren von beweisender Geometrie und von Metaphysik? Kennen sie den Satz, der Pythagoras eine Hekatombe wert gewesen sein soll?
16. Seit wie langer Zeit stellen die Chinesen astronomische Beobachtungen an?
Wäre da nicht heranzukommen, um die Geschichte der Himmelskörper zu ergänzen?
17. Färbemittel, die der Lauge widerstehen [„farbecht“].
18. Auftragen von Blattgold auf Seide.
19. Wie wird „Watte“ hergestellt, ein aus Seide gewonnenes Material, mit dem man Kleidung, Polster und anderes füttert?
20. Schneiden sie ihre Lettern immer in Holz oder gravieren sie diese in ein weiches, von selbst aushärtendes Material, um Arbeit zu sparen?
21. Weiß man irgend etwas über die Meerenge zwischen Nordasien und Nordamerika und das [nördliche] Ende des Landes Jezzo jenseits von Japan? Berichtigung der geographischen Karten dieser Gegenden.
22. Übersetzung ins Lateinische von besonders nützlichen Auszügen aus den chinesischen Büchern, vor allem zur Geschichte und zur Naturkunde.
23. Die chinesischen Horizontalwindmühlen, die von jedem Wind angetrieben werden.
24. Haben sie spezielle Maschinen, die es in Europa nachzubauen lohnte? Über die Technik, unter Einsatz zahlreicher Menschen sehr große Steine zu transportieren.
25. Was dürfen wir hoffen von einem Schlüssel zu den chinesischen Schriftzeichen?
26. Wie destillieren die Chinesen aus Reis einen dem unseren gleichwertigen Alkohol? Welches ist ihre Chemie, und wie trennen sie verschiedene Metalle? Benutzen sie immer Kapelle und Scheidewasser? Waschen sie Gold aus dem Sand, und gibt es dabei Besonderheiten?
27. Nützliche und bemerkenswerte chinesische Techniken in Wirtschaft, Acker- und Gartenbau.
28. Erleichterungen des täglichen Lebens, die es wert wären, nach chinesischem Vorbild in Europa einzuführen.
29. Ihre militärische Technik und andere nützliche Beobachtungen zu Kriegswesen und Seefahrt. Wie werden zusammenfaltbare Segel hergestellt, und was für Vorrichtungen nutzen sie gegen [Wind-] Stöße?
30. Chinesische Bergwerke zur Gewinnung von Metallen und Mineralien. Wie stellen sie Kochsalz, Natron und anderes dergleichen her?

Übersetzung: Dr. Malte-Ludolf Babin