LEIBNIZ AN JOHANN FABRICIUS
Hannover, 14. (24.) September 1697.

Als der Helmstedter Theologieprofessor und langjährige Leibnizkorrespondent Johann Fabricius (1644–1729) im Jahre 1697 den von ihm selbst veranstalteten Nachdruck des Breviculus originum nationum et praecipue Saxonicae in Transylvania des Valentin Franck von Franckenstein, 1696 erstmals im heute rumänischen Hermannstadt erschienen, Leibniz
zukommen lässt, hat dieser sich bereits mehrere Jahre mit der  esiedlungsgeschichte Siebenbürgens befasst. Fabricius’ Sendung nimmt er zum Anlass, den durch Francks Urkundenkritik geförderten Forschungsstand zu rekapitulieren und zu den einschlägigen Problemen Stellung zu nehmen: angebliche Ansiedlung von Sachsen durch Karl d. Gr., Sachsenname, Mundart der Siebenbürger Sachsen, aber auch nach den zahlreichen
weiteren Völkern der Walachei und deren Sprachen zu fragen.

Signatur: LBr. 251, Bl. 5 – 6

Zur Einordnung des Briefes in Leibniz’ sprachwissenschaftliche Bestrebungen und den vom Text aufgeworfenen einzelnen Fragen vgl.: Leibniz, Schriften und Briefe zur Geschichte, Hannover 2004, S. 785–797.

 

LEIBNIZ AN JOHANN FABRICIUS
Hannover, 14. (24.) September 1697


Mein hoher Herr

Ich bin Ihnen sehr verpflichtet […] für die Übersendung der Origines nationum Transylvaniae von Herrn Valentin Franck von Franckenstein, einem offenkundig bedeutenden Mann. Sie sind geeignet, jene von ihrem Irrtum zu befreien, die von irgendwelchen fernen Ursprüngen der Siebenbürger Sachsen in der Zeit Karls des Großen oder gar noch früher fabeln. Jedenfalls spricht nichts dafür, daß Karl bis dorthin vorgedrungen wäre. Die Geschichtsschreiber erwähnen, daß er einige Sachsen in die Gebiete jenseits [westlich] des Rheins deportierte (die Ludwig der Fromme später wieder zurückführte); sie hätten dann so weit entfernte Kolonien nicht verschwiegen, zumal sie auch nicht die Sachsen in dem Heer übergehen, das Karl gegen die Hunnen aufgestellt hatte. Zwar saßen Goten, Gepiden, Langobarden und andere germanische Völker in Pannonien, ganz davon zu schweigen, daß wahrscheinlich schon zuvor die (wenn wir Strabon und anderen glauben wollen) den Geten verwandten antiken Daken ein gotisches oder germanisches Volk gewesen sind.
Was immer es aber dort an Germanen gegeben haben mag – wir müssen annehmen, daß diese längst in der Völkerwanderung untergegangen waren und uns dem Verfasser [Franck] anschließen, wenn er zeigt, daß die Deutschen, durch die Erteilung von Privilegien angelockt, einer Einladung der damals bereits christlichen Könige von Ungarn folgten und ihre [neu
gegründeten] Städte durch den Zustrom von Kaufleuten, Handwerkern und auch etlichen Militärs bevölkerten, so wie in Preußen und Livland, aber mit dem Unterschied, daß [die deutschen Siedler] dort gewaltsam eindrangen, während sie nach Ungarn auf Einladung kamen. Es wäre zu wünschen, daß man noch einige Urkunden beschaffen könnte, die diesen Sachverhalt weiter aufzuhellen geeignet wären, über das Privileg hinaus, das König Andreas der sächsischen Nation zur Bestätigung ihrer Freiheiten eingeräumt hat und das in Töppelts Origines Transsylvanorum, die ich zur Hand habe, S. 16 ff. abgedruckt ist. Und ich freue mich, daß Herr Franck in Töppelts Text einen Irrtum berichtigt und vocati anstelle von donati eingesetzt hat – das ist ganz entschieden nicht dasselbe: jenes Wort erklärt die Deutschen zu eben eingetroffenen Gästen, dieses stellt sie als eine Art Ureinwohner dar. Es ist für die Sachsen selbst eine Frage der Ehre, nicht sozusagen als ehemalige Knechte dazustehen, denen dann die Freiheit „geschenkt“ worden wäre, sondern als „Herbeigerufene“ zu gelten, denen man versprochen hatte, die ihnen angeborene Freiheit unangetastet zu lassen. Es wäre von Interesse zu wissen, ob der Originalurkunde des Königs ein Siegel angehängt ist oder ob das Monogramm [des Herrschers dem Text] angefügt ist, desgleichen, wer (wie es üblich ist) als Zeugen in der Urkunde auftreten. Das alles nämlich übergeht Töppelt, und wenn wir diese Informationen durch Vermittlung dieses bedeutenden Mannes [Franck]
erhalten können, wird sein Verdienst noch um vieles größer sein.
Da Sie ja mit Herrn Franck in Briefwechsel stehen, wage ich diese so günstige Gelegenheit zu nutzen, um Sie zu bitten, uns zu beschaffen, was unsere Kenntnisse erweitern könnte.
Zwar spricht die Urkunde des Königs Andreas nicht von Saxones, sondern Teutonici, und der Hermann, nach dem Hermannstadt so heißt, soll ein Nürnberger gewesen sein; bekanntlich werden aber auch sonst alle Deutschen sehr häufig von Italienern, Franzosen und andern auswärtigen Völkern ganz allgemein als Saxones bezeichnet, seitdem der Frankenname begonnen hatte, eher auf die Franzosen bezogen zu werden. Das Rautenwappen scheinen sich die Hermannstädter doch wohl erst später angenommen zu haben, der volkstümlichen Bezeichnung [der deutschen Siedler] und Vorstellung [von deren Herkunft] zu Gefallen. Dabei
will ich aber nicht in Abrede stellen, daß die Deutschen Siebenbürgens insbesondere auf die Sachsen zurückzuführen sind, insbesondere falls ihre Mundart dafür spricht, [weshalb] es sich empfehlen wird, genauer zu untersuchen, ob diese mit dem westfälischen oder niedersächsischen Dialekt hinlänglich übereinstimmt. Wir müßten deshalb einige Beispiele
haben für die Aussprache des einfachen Volks und ein Verzeichnis der [in Siebenbürgen] gebräuchlichen Provinzialismen, die zwar deutsch, aber nicht allen Deutschen bekannt sind.
Auf dieser Grundlage werden wir eher ein Urteil fällen können über Ursprung und Mundart [der Siebenbürger Sachsen]. Aber auch über die übrigen Bewohner Siebenbürgens müßten wir über weitergehende Informationen verfügen. Der Herr Autor macht einen Unterschied zwischen Széklern und Ungarn. Laut Töppelt sollen jene aber „derselben Herkunft wie die übrigen Ungarn“ sein.
Hier wäre die Sprache [der Székler] das geeignete Kriterium: handelt es sich um reines Ungarisch oder ist ihm viel fremdes Wortgut beigemischt, sei es aus dem „Sarmatischen“ oder Slavischen (ich verstehe hier beide als Synonyme, das Slavische im weitesten Sinne genommen), sei es auch aus der Sprache irgendeines anderen „skythischen“ Volkes?
Was die Walachen oder Blachi angeht, so herrscht Einigkeit darüber, daß ihre Sprache sehr viel lateinisches [Wortgut] enthält. Ich hatte immer den Verdacht, es möchten sich in irgendwelchen Winkeln Dakiens Reste des Kumanischen erhalten haben. Denn die Kumanen hat der ungarische König im 13. Jahrhundert im Lande aufgenommen und ihnen Siedlungsgebiete eingeräumt, auch wenn sie größtenteils aufgerieben wurden, als der
Tatarenkrieg losbrach. Kumanien scheint sich aber von den ungarischen Gebieten bis zum Schwarzen Meer erstreckt zu haben.
Der Herr Autor sagt, in der Walachei und Moldavien hätte sich das Ruthenische mit dem Lateinischen, in Bulgarien aber und Moesien mit dem Illyrischen vermischt; da wüßte ich nun gern, was hier „I l l y r i s c h “ bedeutet. Üblicherweise ist das eine Bezeichnung für das Slavische selbst, aber ich meine, er [Franck] versteht etwas anderes darunter, da [Illyrisch]
an anderer Stelle nicht deutlich vom Ruthenischen unterschieden wird, das selbst zu den slavischen Sprachen gehört.
Desgleichen wäre es der Mühe wert, weitergehende Recherchen über die Zigeuner anzustellen, von denen es einige Siedlungen in Dakien gibt. Der berühmte Wagenseil leitet im kürzlich erschienenen Anhang zu seinen Nürnberger Denkwürdigkeiten recht scharfsinnig die Zigeuner von den überall in Deutschland vertriebenen Juden ab und führt ihre Sprache aufs Hebräische zurück. Der Herr Autor sagt aber, sie gebrauchten überall
eine Grundsprache, wenngleich diese dialektal differenziert wäre; er scheint also mehr und sicherere Informationen dazu liefern zu können. Töppelt behauptet, ihre Religion stünde jener der Griechen [dem griechisch-orthodoxen Ritus] nahe und sie zelebrierten eine Zeremonie, die sie als Taufe bezeichnen; jedenfalls bietet er nichts, was ans Judentum
erinnerte.
Schließlich finde ich es erstaunlich, wenn Töppelt berichtet, die Siebenbürger Sachsen nennten sich selbst zwar Detschen, die übrigen Deutschen hingegen M u e s e r.
Töppelt selbst behauptet, Detschen käme von Daci, Muesr vom französischen Monsieur; aber Detschen ist vielleicht nichts anderes als „Deutschen“, was heißt aber Muesr? Das französische Monsieur ist nämlich meines Erachtens ganz fern zu halten. Töppelt sagt: „Wir verstehen die deutsche Sprache schlecht und werden selbst von den Deutschen kaum verstanden“, und er fügt hinzu, er hätte viele „französische, italienische, spanische, englische, türkische und tatarische Wörter“ in der Sprache seiner Landsleute bemerkt; es wäre deshalb wünschenswert, ein kleines Wörterbuch der Volkssprache der Siebenbürger Sachsen zu haben, dazu Gebete oder andere Sprachproben, die aber original sein müßten,
nicht an unsere [hochdeutsche] Sprache angepaßt.
Soweit, sehr geehrter Herr, was ich meinte, Ihnen zu diesem Gegenstand schreiben zu sollen. Ich überlasse es Ihnen zu beurteilen, ob es angemessen oder zweckmäßig ist, meine Wunschliste dem ausgezeichneten Autor der Abhandlung zukommen zu lassen, der offenbar nicht minder durch seine Gelehrsamkeit als durch seine hohe Stellung hervorragt. […]
Leben Sie wohl.

Hannover, den 14. September 1697.
Ihr sehr ergebener Gottfried Wilhelm Leibniz

P.S. Im Privileg des Königs Andreas werden Blachi und Bisseni erwähnt. Wer die Blachi sind, ist bekannt; bleibt die Frage, welcher Nation die Bisseni angehören, deren Wald der König den Deutschen überträgt. […]

Übersetzung: Dr. Malte-Ludolf Babin