LEIBNIZ AN JOHANN HERMANN SCHMINCKE
Hannover, 27. Februar 1710.

Der damalige Hofmeister und spätere Hessische Hofhistoriograph Johann Hermann Schmincke (1684 –1743) hat seine umfassend kommentierte Ausgabe der ersten Biographie Karls d. Gr., Einharts Vita Karoli Magni, fast vollendet (sie wird 1711 in Utrecht erscheinen), als er sich 1710 erstmals an Leibniz wendet. Er bittet um Auskunft über einige teilweise bis heute kontroverse Fragen aus diesem Themenkreis, darunter die Teilung des fränkischen Reichs zwischen Karl d. Gr. und seinem Bruder Karlmann, die korrekte Form des Namens Einhart, die erstaunliche Heiratspolitik Karls d. Gr. für seine Töchter sowie textkritische Fragen.

Signatur: Ms XIII, 869, 4 Bl. 30

Vergleiche die detaillierten Erläuterungen in: Leibniz, Schriften und Briefe zur Geschichte, Hannover 2004, S. 703–715.

LEIBNIZ AN JOHANN HERMANN SCHMINCKE
Hannover, 27. Februar 1710.

Gelehrter Herr,

ich habe Ihren Brief, der von Ihrer Gelehrsamkeit und Umsicht, aber auch Ihrer Liebenswürdigkeit mir gegenüber unzweifelhaft Zeugnis ablegt, schon vor einer ganzen Weile erhalten, aber eine Reise nach Braunschweig zwang mich, meine Antwort aufzuschieben. Dort habe ich mich länger aufgehalten als erwartet, da ich überraschend krank geworden bin. Doch nun bin ich wiederhergestellt und zurück in Hannover und werde meine Briefschulden abtragen.
Die Fragen, die Sie zur Geschichte Karls des Großen aufwerfen, machen Ihrem Scharfsinn ebensosehr Ehre, wie die Ansichten, zu denen Sie neigen, für Ihr Urteilsvermögen sprechen.
Der Kontroverse um die Teilung des Reiches zwischen den Söhnen des ersten [karolingischen] Königs Pippin, Karl und Karlmann, habe ich seinerzeit selbst eine Untersuchung gewidmet.
Ich bin dabei zu dem Ergebnis gekommen, daß bei der Darstellung dieser Teilung Eginhard ebenso irrt wie in vielen anderen Fällen. Als Schriftsteller zeichnete er sich mehr durch die Eleganz seines Stils (wenigstens gemessen am Bildungsstand jener Zeit) als durch Gewissenhaftigkeit aus; das mögen Sie etwa dem Umstand entnehmen, daß er bekennt,
nicht den Geburtsort des großen Karl und anderes dergleichen zu kennen, was meines Erachtens in Erfahrung zu bringen gewesen wäre, hätte er nur Nachforschungen angestellt.
Zutreffend [hingegen] hat die Reichsteilung jener Autor dargestellt, der im Auftrage Childebrands und Nibelungs über die fränkische Geschichte geschrieben hat [und dessen Werk um etwa diese Zeit endet]. Diesem ist zu entnehmen (und dabei handelt es sich um das Zeugnis eines Zeitgenossen der Taten Karls und Karlmanns), daß der Vater [Pippin] Karl als dem Erstgeborenen die stärker feindlichen Einfällen ausgesetzten Landesteile zugewiesen hat, darunter an erster Stelle Austrien mit Thüringen, während er Karlmann die Provence, Septimanien, Burgund und das aus Austrien herausgelöste Alamannien einräumte; Neustrien hätte er hingegen [bei der Teilung] noch stärker gespalten und die dem Atlantik und den Bretonen benachbarten Gebiete Karl, den südlichen Teil aber Karlmann gegeben. Aquitanien hätte er, da es noch nicht befriedet gewesen wäre, beiden hinterlassen, damit beide Söhne ihre vereinten Kräfte darauf wenden sollten, Bayern dagegen keinem von beiden, da dieses einen eigenen Herrn hätte, auch wenn dieser freiwillig die fränkische Oberhoheit anerkannte.
Man wird demnach, fürchte ich, Le Blanc kaum zugestehen können, daß Karl auf einer Münze König von Austrien genannt wird, fehlten ihm doch Alamannien und das Elsaß, bzw. Karlmann [auf einer anderen Münze] als König von Neustrien bezeichnet wird, der im Besitz weder von Rouen noch anderer Orte des eigentlichen Neustrien war. Dabei würde ich aber
noch eher Karl die Bezeichnung als König von Austrien als Karlmann die eines Königs von Neustrien zugestehen, war letzterem doch vielmehr Burgund mit den benachbarten Gebieten zugefallen.
Eginhard und Einhard ist derselbe Name, der in Abhängigkeit von der Aussprache verschiedene Formen aufweist. So lassen wir auch Meginwerk und Meinwerk, Regenstein und Reinstein und anderes dergleichen als gleichwertige Varianten gelten. Es ist schwierig zu entscheiden, ob [Einharts] Frau Imma eine Tochter Karls d. Gr. war. Der Verfasser des Chronicon Laureshamense ist als Zeuge nicht über jeglichen Einwand erhaben, dabei doch aber auch nicht völlig zu verwerfen. Wenn Imma Tochter des Kaisers gewesen ist, müßte es sich meines Erachtens um eine natürliche Tochter gehandelt haben, denn die Namen der ehelichen Töchter stehen fest. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Eginhard es gewagt hätte,
in einem Brief an Lothar, den Sohn Ludwigs des Frommen, den jungen Kaiser „neptitas“ zu nennen [(das Wort findet sich sonst nirgends)], auch dann nicht, wenn er mit einer wie auch immer zu qualifizierenden Tante Lothars verheiratet gewesen wäre; selbst wenn Lothar Neffe der Imma von [ihres] Bruders [Ludwig] Seite her gewesen wäre, war er damit nicht
auch Neffe Eginhards, und es stand Eginhard nicht zu, sich mit dem Gebrauch eines so ausgefallenen Wortes in die königliche Familie einzudrängen. Ich fürchte daher, daß die Stelle verderbt ist und wir anstelle von neptitas vestra wenn nicht nobilitas vestra doch etwas Ähnliches zu erschließen haben, so wie [Einhart] ebenda die Wendung mansuetudo vestra gebraucht. Mit Sicherheit verderbt ist eine ähnliche Stelle in demselben Brief, wo [Einhart] sagt: quia potius cogit [voluntas mea fidelis efficere] ut … vestra cognoscat, wo wir lesen:
vos de vestra; anstelle von vos de ist aber ein den vorangegangenen ähnliches Substantiv wie prudentia einzusetzen.
Angilbert scheint mit Karls Tochter Berta in einem eheähnlichen Verhältnis gelebt zu haben oder, wenn Sie das vorziehen, ihr durch eine mindere Ehe verbunden gewesen zu sein, das heißt eine Ehe, die der vertraglichen Vereinbarung einer Brautgabe entbehrte; dergleichen [Verbindungen] konnten durch eine rechtmäßige Ehe aufgehoben werden, wie
aus den Verhandlungen hervorgeht, die in der [Ehe-]Sache des austrasischen Königs Lothar [II.] geführt wurden. Es ist anzunehmen, daß der Vater [Karl], der seinen Töchtern gegenüber Nachsicht walten ließ, von der Angelegenheit wußte.
Karolingische Münzen gibt es bei uns nicht, und die Siegel der Osnabrücker Urkunden sind nicht über allen Zweifel erhaben. Ihr Vorhaben, Eginhard mit Anmerkungen drucken zu lassen, billige ich aufs höchste. Sie wissen, daß ein altes Annalenwerk zur fränkischen Geschichte Eginhard zugeschrieben wird; ich fürchte aber, diese Annahme steht auf schwachen Füßen. Duchesne führt im zweiten Teil seiner Historiae Francorum scriptores,
wo er diese Annalen vorlegt, eine nicht unbeachtliche Stelle aus dem Bericht eines Mönchs von der Überführung des Hl. Sebastian nach Soissons an, wo Eginhard zugeschrieben wird, was wir in diesen Annalen [zum Jahr 826 über diese Translation] lesen. In den Handschriften pflegten aber diese Annalen mit Eginhards Vita Caroli verbunden zu werden, und so mag es gekommen sein, daß der Mönch sich hat irreführen lassen und beide Werke demselben
Verfasser zugeschrieben hat, obwohl die Unterschiede zwischen beiden in stilistischer Hinsicht wie vom [historischen] Urteil her offensichtlich sind. Ich denke, Sie kennen die Ausgabe der Vita von Friedrich Bessel mit ihren beachtlichen Anmerkungen. Auch er hat sich der Ehrenrettung des Grafen von Neuenahr angenommen. Sie werden gut daran tun, sich
weiterhin so nützlichen Arbeiten zu widmen. Ich selbst werde Ihnen sicherlich gern helfen, wo ich kann, und künftig mit Freuden vernehmen, daß Ihre Verhältnisse es Ihnen erlauben, sei es auf Reisen, sei es daheim sich weitere Verdienste um die Gelehrtenrepublik zu erwerben. […]

Hannover, den 27. Februar 1710.

Übersetzung: Dr. Malte-Ludolf Babin