Die Zettelsammlung von Martin Fogel

Martin Fogel (1634–75) war Polyhistor, Sprach- forscher, Arzt und Pro- fessor am Akademischen Gymnasium Johanneum in Hamburg. Als Schüler von Joachim Jungius übernahm er dessen Arbeitstechnik und weitgespannte Interessen: Er hinterließ sein zentrales Arbeitsinstrument, einen Kasten mit ca. 32.500 Zetteln. Seit 2006 wird in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek diese Zettelsammlung im Rahmen eines hauseigenen Projektes bearbeitet und erschlossen.

Gottfried Wilhelm Leibniz interessierte sich früh für Fogel und suchte den Kontakt. Das belegen Briefe, die der damals noch unbekannte Leibniz an den bereits arrivierten Forscher richtete. Antworten Fogels auf diese Briefe sind nicht überliefert. Nachdem Leibniz 1676 die Stellung als Bibliothekar in Hannover angetreten hatte, erfuhr er vom Tod Fogels sowie von der bevorstehenden Auktion seiner Büchersammlung. Leibniz überzeugte seinen Dienstherrn, Herzog Johann Friedrich, die komplette Büchersammlung zu kaufen und reiste deshalb im Sommer 1678 nach Hamburg. Dort erfuhr er von der Zettelsammlung und entlieh sie von den Erben Fogels, um sie für eigene Forschungen auszuwerten. Die Bibliothek wurde Teil der herzoglichen Bibliothek und die Zettelsammlung diente Leibniz als Hilfsmittel für seine Forschungen. Geschichte und Bestand der Bibliothek Martin Fogels in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek wird im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes zu „Leibniz’ Arbeitsbibliothek“ erschlossen.

Das Interesse von Gottfried Wilhelm Leibniz an der Zettelsammlung lässt sich auch daran ablesen, dass er mehr als tausend Zettel der Sammlung entnahm und in seine eigenen Papiere integrierte. Aufgrund ihres auffälligen Formates sind sie leicht zu identifizieren. Besondere Schwerpunkte bilden dabei die Gebiete Medizin und Geschichte.

Die Zettel, die er nicht in seine Papiere einarbeitete, blieben erhalten und wurden nach dem Tod von Leibniz weitgehend ignoriert, da sie aufgrund ihrer Verzeichnungstechnik und der Breite der dokumentierten Gegenstände nur schwer zugänglich waren und sind. In seinem Katalog „Die Handschriften der Königlichen öffentlichen Bibliothek zu Hannover“ von 1867 beschreibt Eduard Bodemann unter der Signatur MS XLII 1923 diesen Bestand wohl deshalb auch als „23 ungeb. Conv. ... mit e. Masse einzelner Blätter in 8°“. Ende des 19. Jahrhunderts wurde Martin Fogel einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit dadurch bekannt, dass der finnische Sprachforscher E. N. Setälä feststellte, dass Fogel als erster die Verwandtschaft der finnischen und der ungarischen Sprache erkannt habe. Eine systematische Auswertung der Zettelsammlung begann jedoch nicht. Der unerschlossene Bestand wurde gelegentlich konsultiert, jedoch als schwer zugänglich betrachtet. Das Leinehochwasser von 1946 fügte der Sammlung schweren Schaden zu. Zahlreiche Zettel wurden stark ausgewaschen und bei den bestandserhaltenden Maßnahmen die vorgegebene Ordnung der Papiere zerstört. Weitere Eingriffe wurden ebenfalls unzureichend dokumentiert.

Ziel des gegenwärtigen Projektes ist die konservatorisch unbedenkliche Lagerung der Sammlung und die Erfassung der Zettel in der vorliegenden Ordnung. Dazu wurde die „Masse einzelner Blätter“ Bodemanns in ca. 1.500 Konvolute aufgeteilt. Diese wurden erfasst und ermöglichen einen Einblick in das Wissensspektrum Fogels. Eine vertiefte Erschließung, die auch weitere Informationsschichten auf Makulatur berücksichtigt, wird ebenso wie die digitale Aufbereitung der Zettel in weiteren Projekten erfolgen. Gegenwärtig werden die von Leibniz entnommenen Zettel identifiziert und erfasst, um sie virtuell mit der Sammlung zu vereinen.

Die Zettelsammlung ermöglicht Einsichten in Fogels Arbeitsweise, die zur Vorgeschichte des modernen Wissensmanagements zählt. Die von Fogel entfernten und dann mit neuen Informationen wieder eingefügten Zettel ermöglichen Forschungen zum Leseverhalten, zur Verfügbarkeit von Wissen sowie zur Erkenntnisgewinnung im 17. Jahrhundert. Wissenschaftshistorisch aussagekräftig ist der Befund, dass die Zettelsammlung Fogels Ablagesysteme der frühen Neuzeit zu dokumentieren vermag. Hinzuweisen bleibt auf die Bedeutung des Materials für die Leibnizforschung. Dieser Zusammenhang wurde bislang kaum zur Kenntnis genommen.

Zettelkästen, Laborberichte, Notizen und Exzerpte werden inzwischen verstärkt als aussagekräftige Quellen der Wissenschaftsgeschichte genutzt. Es sind vor allem mikrohistorische Studien, die sich mit der Rolle dieser Dokumente für den Erkenntnisprozess in der Forschung befasst haben. Die „Zettelwirtschaft“ eines Wis- senschaftlers bildet einen „Speicher der verschriftlichten Wahrnehmung“, der sich von der „sanktionierten Ergebnisdarstellung“ eklatant unterscheiden kann. Hans-Jörg Rheinberger bezeichnet die Notizen als „primärverschriftlichte Spuren“ und erhebt sie zum Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte. Querverbindungen zur modernen Wissensbearbeitung bieten sich ebenfalls an.

Fogels Zettelsammlung ist in LeibnizCentral als Teil des Kataloges der Handschriften- sammlung integriert.

 

Projektdurchführung: Dr. Carola Piepenbring-Thomas

Laufzeit: 2006 –2010